Das neue Statusprodukt N° 1 – Wohnen

Wie der Wohlfühlfaktor als ästhetisches Merkmal Statusbedingungen für Farbe, Form und Produkt verändert.

Farben sind die auffälligen, sanften, anregenden oder beruhigenden Signale, die uns ein Leben lang begleiten. In der Empfindungsskala sind sie für uns von größter Bedeutung. Rund 90 bis 95 % unserer Sinneseindrücke, außerhalb des Haptischen, werden visuell vermittelt. Über die „Kunst“ oder die „richtige Farbe“ lässt sich trefflich streiten. Häufig kapituliert der Ehemann am Schluss resigniert mit der Bemerkung: „Du weißt es besser!“ Womit er Recht hat! Ziemlich genau leiden 0,4 % aller Personen weiblichen Geschlechts an Farbenblindheit, dagegen besitzen 8,0 % aller Männer ein solches Defizit.

Farben bilden die Subtexte zur Erkenntnisgewinnung dessen, was Sprache nicht vermag. So gehören u. a. Mimik, Gestik, Körperhaltung zu den nonverbalen Kommunikationsformen.

Übrigens, die Lieblingsfarbe der Menschheit ist Blau, gefolgt von Rot. Fast immer sind sich Frauen und Männer in dieser Frage ausnahmsweise einig. Es sei denn, der modische Appeal der Rottöne gewinnt kurzzeitig, als Trendfarbe für Fashion- oder Einrichtungsprodukte, das Rennen. Farbappelle gehören zu den probaten Wirkungsmechanismen von Reiz und Gegenreiz, von Aufforderung und Echo. Die Botschaften vom Weiß der Unschuld, Schwarz der Trauer und das Blau der Ferne, das Grün des Wachsens und das Braun der schweren Erde, Violett- und Purpurtöne des Herrschens, aber auch des Verrats, und das allgegenwärtige „Grau der Unentschiedenheit“ sind Mittler verlangender Sehnsüchte, stiller Ängste oder einfacher Funktionen.

In der Definitionssymbolik wird häufig eine Mehrzahl von Tönen, fachsprachlich „Kolorits“, genutzt. Jeder Staat, Fußballclub und jede Telefongesellschaft, Kaffeemarke oder Fluggesellschaft schafft sich Kennzeichen, bestehend aus Farbe und Form. Ihre Inhalte folgen, falls sie klug gewählt wurden, archaischen, tief in unserem Erfahrungswissen verborgenen Merkmalen einer universalen, subsprachlichen Verständigungsskala.

Das Blau-Weiß-Rot der französischen Trikolore ist so einleuchtend revolutionär wie freiheitlich-sympathisch und klar im Gegensatz zur Deutschland-Fahne, bestehend aus horizontal liegenden Balken in Schwarz, Rot, Gold, deren martialisches Beharrungsvermögen Stabilität und Machtanspruch signalisieren.

Zu den klassischen Non-plus-ultra-Statusfarben gehören „Klavierlack-Schwarz“, „Purpurrot“ und „Racing-Green“. Töne, die so etwas wie vererbbare Nobilitierungsgene in sich tragen. Die Statusbedingungen für Farbe, Form und Produkt ändern sich speziell dann, wenn es um ästhetische Merkmale geht, so um Geschmack, Atmosphäre und Wohlfühlen. Früher bildete das geflügelte Wort den Maßstab: „Das Ansehen ist eine Frage des Aussehens.“ Die Selbstdefinition wurde nach modischen Outfits, Automarken oder der Reise auf dem Traumschiff definiert.

Emotionales und reales Haben bzw. Teilhaben, sowie soziale Aufstiegswerte bestimmten unser Status-Streben. Das waren die typischen Parameter der beinahe „lupenreinen“ Leistungsgesellschaft. Ansprüche nach Anerkennung einer gnadenlosen Individualitätsverwirklichung musste man sich teuer mit den Mitteln von Neid, Eifersucht, Machtstreben und weiteren „schönen“ Verhaltensmustern erkaufen.

Das Bild begann sich vor drei, vier Jahren deutlich zu verändern: Der herrschende Zeitgeist markiert u. a. neue Prinzipien des Gestaltens. Es folgt nun eine Rückbesinnung auf das tradierte, bürgerliche, nachbarschaftliche, kollektivistische, befreundungsorientierte Tugendhafte: Ästhetik und Ethik stehen sich im gegenseitigen Einverständnis polarig in gleicher Weise wie Vitalfunktion und Humanfunktion gegenüber. Die ethischen Momente des Bauens, Wohnens und Gärtnerns besitzen einen mindestens ebenso hohen Rang wie ihre ästhetischen Optionen nach Schönheit, Eleganz und Ausgewogenheit.

Die zukunftsorientierte Gesellschaft leistet sich einerseits hedonistische, epikureische Lustoptionen, die zumeist an hermetisch isolierten, verschwiegenen Plätzen stattfinden, und andererseits gibt sie sich philanthropisch und altruistisch und demonstriert eine selten dazu passende lautstarke PR-Selbstinszenierung. Der wahre Altruist allerdings schweigt am besten zu seinen guten Taten.

Trends haben viel mit Überdrusshaltungen zu bestehenden und vergangenen Vorlieben, aber auch mit Untreue-Drang zu tun. Das Neue besitzt den Charme des Unverbrauchten und, wie man vermutet, der Zukunft selbst. Die Superreichen dieser Welt folgen einem Trend, der ihnen von mehr oder weniger Wohlhabenden vorgemacht wird. Trends kommen immer aus den alternativen, kreativen, halbillustren, schrägen Ecken der weniger oder gar nicht angepassten Gesellschaft.

Wie, wo und in welchem Umfeld man wohnt, bildet immer stärker das persönliche Markenrenommee der Menschen. Dabei ist ein einheitliches soziales oder ethnisches Erscheinungsbild weniger gefragt, als es uns scheinen mag. Die Menschen begreifen schneller als erwartet, dass besonders eine großstädtische Gesellschaft interessanter, prosperierender und lebenstüchtiger ist, wenn die innere Struktur vielseitig und somit ausgewogen ist. Der Variantenreichtum von Läden, Restaurants, Kiosken, kleinen Läden, die Einkaufsmöglichkeiten sowie kulturelle oder soziale Einrichtungen gedeihen immer nur dort, wo Menschen leben. Multiethnische Gesellschaften besitzen die größeren Überlebenschancen, weil sie agiler sind und so gemeinschaftliche Interessen einfacher umzusetzen vermögen.

Das Sehen eröffnet uns den Blick vom mikroskopischen Hanbereich bis in die ferne Welt der Farben, Formen und Dimensionen.

Die Suche nach dem Heim als Platz der Heimat ist zum Volkssport geworden

Die modernen Nomaden zieht es von den langjährig besetzten Insel-Domizilen zurück in das Märchenhafte ihrer Kindheit. Gegenden mit Kiez-Charakteristiken sind die gesuchtesten Wohngegenden in mittleren bis Großstädten. Schöne Hausfassaden und Alleenbepflanzungen sind „in“. Gründerzeit-, Jugendstil- und spätere Werkbund-Häuser sind genauso gefragt wie komfortable Residenz-Ensembles.

Die Geschmacksparameter reichen von schnuckelig-gemütlich, historisch-großzügig bis zu zeitgeistig-offenen Wohntypen. Unter den gemütlichen, heimeligen Wohnstätten sind Fachwerkhäuser und unter Denkmalschutz stehende Gebäude zu verstehen. Hier knarren die breiten Dielen am Boden, knirschen und knacken genauso wie die Holzscheite im Kamin. Die Ausgehgesellschafft trifft sich zu Hause vor dem wärmenden offenen Feuer. „Gemütlichkeit“ und „Wohlfühlen“ lauten die beliebtesten Primärtugenden einer durchtakteten Gesellschaft, die die binären Codes, zumindest innerhalb der reinen Privatheit, gegen die alten, analogen eintauscht.

Das Leben in historischen Vierteln in 3,40 m hohen Räumen mit Stuck, Flügeltüren, altem Fischgrätparkett, einigen Staukämmerchen, ausgestattet mit Dienstboten- und Haupteingang, Hinterhof-Balkönchen und straßenseitigem Alkoven hat seine schönen Seiten. Auch hier sind Geborgenheit und Komfort gefragt. So laut sind die Straßen nicht mehr, sie sind dicht zugeparkt, außerdem erobern die Radfahrer unsere Städte. Das Leben in diesen Häusern gestaltet sich jedenfalls angenehmer als in typischen Einzel- oder Mehrfamilienhäusern, die aus den letzten 50 Jahren des 20. Jahrhunderts stammen. Weil die Luft nach oben reichlich vorhanden ist und undichte Doppelfenster für reichlich Sauerstoff und genügend Durchzug sorgen.

Wohnen zwischen Tradition und Moderne

Eines ist sicher: Zersiedlung ist „out“, der Wunsch nach Komfort ist „in“. Der Blick nach draußen ist so wichtig wie das Leben im Garten, auf der Terrasse und dem Balkon.Neueren Datums sind die Residenzbauten mit ihren offenen, weit geschnittenen Fensterflächen, die Blicke ins nachbarliche Kamin-, Schlaf- und Badezimmer gestatten. Die Ausstattungen sind komfortabel und chic. Der begehbare Kleiderschrank, das eigene Hamam mit zwei Badewannen und Champagnerkühler, Fitness- bzw. Wellness-Ecke gehören genauso dazu wie Master’s Bedroom und die modernste britische Jagdhundemischung, deren Fellkolorit auf das Kaschmirplaid und den Seiden-/Wollvelours des riesigen Kuschelsofas abgestimmt ist.

Jeder dieser beschriebenen Wohnungstypen markiert Wunschprofile, die aus den drei großen L bestehen: Lümmeln, Liegen, Loungen. Denn das Wohnen ist eben nicht nur das Statusprodukt, sondern auch das Naherholungsgebiet Nr. 1! Mehr und mehr erobern das zuvor abgekapselte „In-vier-Wänden-Leben“ die Gärten. Sie sind vielfach der verlängerte Teil des Wohnzimmers. Die Angebote des Gartenmobiliars besitzen eine ebenso gute und bequeme Qualität wie die Wohnmöbel. Die Gartenpflanzen werden nachts beleuchtet und produzieren eine Art mediterraner oder exotischer Traumkulisse.

Die Wohnung ist Zufluchts- und Erholungsort zugleich. Für Kinderzimmer gilt das besonders. Wichtig ist, sie nicht zu überladen, sondern sie eher ruhig zu gestalten und nur mit sanften Farben auszustatten. Bitte keine weißen Wände! Leichte Pastell- oder Sorbet-Farben sind einfach besser. Bereits im frühkindlichen Alter vermittelt Farbe pädagogisch wirksame Einflüsse. Die Farbbegegnungen sollten sich in einem großen Farbenspektrum vollziehen. Ausreichende Anregungspotenziale visueller, akustischer, haptischer, olfaktorischer und gustometrischer Art sind verantwortlich für eine erfahrungsreiche Entwicklung. Das beginnt bereits bei den Säuglingen und Kleinkindern.

Es ist richtig, Kinder täglich mit „allen“ Farben in Berührung zu bringen: Bilder, Bücher, Spielsachen, leichte Wandfarben und helle Stoffe. Jedoch sollten mindestens zwei Drittel eines Kinder- oder Spielraumes farbberuhigt gestaltet sein. Dies gelingt, wenn mit leichten, sanften Off-White-Tönen oder hellen, ockrigen Sand- oder Himmels- und Wolkentönen Platz für Ruhe, Besinnlichkeit und somit Raum für die Kreierung eigener Fantasien und Experimente gegeben ist.

Die Wohnung ist Zufluchts- und Erholungsort zugleich. Gemütlichkeit und Wohlfühlen stehen an erster Stelle.

Raumpsychologie – Farbe als Therapieinstrument

Wohlfühlatmosphäre auch im Bad, in der Küche, im Entree und selbstverständlich in den klassischen Ruheräumen. Bis zu 50 % Anregungspotenziale, der Rest besteht aus Beruhigungsmerkmalen, diese machen unsere Umgebung wohltuend, relaxed und befreundend. Der Blick vom Krankenbett sollte zumindest beide Optionen jederzeit möglich machen.

Farbe als begleitendes Therapieprodukt zu verstehen und als solches anzuwenden ist im Grundsatz richtig und wirksam. Die Aufgabe der Gestaltung besteht nicht darin, medizinische Indikationen zu vermitteln, sondern Lebenssituationen angenehmer zu gestalten und sie gleichzeitig mit sinnhaften, narrativen Inhalten zu versehen. Im Übrigen dienen die prosperierenden Badlandschaften mehr der Seelenpflege als der Körperpflege. Neben Küchen und Kaminen, Wintergärten und Balkonen gehören sie zu den wichtigsten Investitionsfeldern der privaten Nutzer. Wellness, Wohlfühlen und Fitness bleiben auch in Zukunft die bevorzugten Aktionsprogramme der Wohnenthusiasten. Bäder wachsen in die Breite und Länge, sie erhalten riesige Fenster von der Decke bis zum Boden. Die Mindestanforderungen an die Ausstattungen schließen Getränkekühler, Eisspender, Soundanlage, Kamin und Massagebank mit ein.

Die Bäder werden farbiger, genauso wie die Küchen. Sie sind die trendigen Zonen kurzweiligen Rastens geworden, und beide vertragen einen Ohrensessel oder eine Liegestatt nahe von Dusche oder Herd. Die reine Systemorientierung von Küche und Bad wird längst ersetzt durch flexiblere, unorthodoxe und individuellere Ansprüche an Atmosphäre, Emotionalität und Unterhaltung.

Das Wohndesign spiegelt nicht nur den Lebensmittelpunkt des Lebens zu Hause wider, sondern es ist unser eigener Image-Bildner. „Das Haus ist mehr als meine feste Burg, sondern der schöne Ort erfüllter Träume.“ Übrigens: Das private Wohnen dient immer deutlicher als Vorbild für die beliebtesten Cafés, Bistros, Hotelzimmer und Büroräume. Der Unterschied zwischen Wohnambiente und Ferienidylle wird immer geringer. Denn Wohnen empfinden wir als Stimmungsmikrokosmos oder Seelen-Biotop für gepflegtes Zu-sich-selbst-Finden. Und nebenbei: Nichts geht über das Dolcefarniente, und die besonders netten Freunde genießen gerne mit.

ÜBER DEN AUTOR

Axel Venn

Axel Venn ist Professor em. für Farbgestaltung und Trendscouting an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim sowie Gastredner an zahlreichen Universitäten weltweit. Seine Arbeiten wurden bereits mit Designpreisen und Innovation Awards ausgezeichnet.