Damit ein Putz nicht zum Ris(s)iko wird

Bewertung und Instandsetzung von gerissenen Putzen

Wenn sich Sachverständige oder Fachhandwerker mit Rissen in Putzen auseinandersetzen müssen, stellen sich in der Regel drei grundsätzliche Fragen: was ist die Ursache der Rissbildung? Wie können die Risse saniert werden? Stellen die Risse einen Mangel dar? Auch wenn es sich bei dem Mangel um einen Rechtsbegriff handelt, wird dieser in der Praxis auch für die technische und/oder optische Bewertung von Rissen herangezogen. Der nachfolgende Beitrag setzt sich mit der unterschiedlichen Betrachtung bei der Bewertung von Rissen auseinander.

Rissbreitemessung mit einem Risslineal

Bei der Beantwortung der o. g. Fragen müssen mehrere Aspekte berücksichtigt werden. Risse können unterschiedlich breit und/oder tief sowie Ursache für weitere Schadensmechanismen sein. Sie können ab einer bestimmten Breite optisch wahrgenommen werden, allerdings auch nur temporär auftreten. Risse können eine mangelhafte Leistung des Fachhandwerkers darstellen, aber auch durch mangelhaftes oder nicht aufeinander abgestimmtes Material verursacht werden. Sie können innerhalb oder außerhalb der Gewährleistung auftreten und bauart- oder baustofftypisch sein.

Besonders problematisch sind Risse, wenn diese durch Fremdgewerke verursacht werden oder durch zu intensive Farbtöne, in Ausnahmen auch durch die Veränderung des Hellbezugswertes in Folge der Verschmutzung. Diese kurze Auflistung – die nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt – zeigt, dass es nicht den Riss gibt und in Folge dessen auch nicht die Bewertung geben kann. Zumal eine technische Bewertung ergeben kann, dass der Riss „nicht zu bemängeln“ ist, die juristische Bewertung aber eindeutig einen Mangel bestätigt.

Technische Bewertung

Grundlage einer jeden technischen Bewertung ist die Rissdiagnostik, bei der Rissbreite und -tiefe, Rissverteilung und -verlauf sowie der ein-, zwei- oder dreidimensionale Rissflankenversatz ermittelt wurden. Nach dieser Dimensionierung des Risses muss die Frage geklärt werden, ob zukünftig Bewegungen an den Rissflanken zu erwarten sind oder einfach ausgedrückt, ob ein Riss noch „arbeitet“? Die Frage nach dem so genannten beruhigten oder dynamischen Riss erhitzt regelmäßig die Gemüter unter Experten, da eine gewisse Rissdynamik an der Fassade aufgrund hygro-thermischer Einflüsse nie ganz auszuschließen ist. Die Frage nach dem „Wie viel“ entscheidet neben der technischen Bewertung des Risses ganz wesentlich über das Sanierungssystem. Hierbei gibt es die Option, den Riss zu sanieren, also die Ursache der Rissbildung zu beseitigen, oder den Riss kaschieren, also die Folge zu überbrücken.

Überprüfung der Rissbreite und der dynamischen Rissentwicklung mit einem Rissmonitor

Dynamischer Riss: Der Riss verläuft durch die gesetzte Gipsmarke.

Überprüfung der Rissdynamik mit einer Gipsplombe

Der Untergrund spielt eine Rolle

Selbstverständlich ist auch diese Frage nicht so einfach zu beantworten, da das System zur Risssanierung nicht nur den Riss überbrücken, sondern auch zum Untergrund passen, diffusionsoffen, wasserabweisend, verschmutzungsresistent und farbtonstabil und dgl. sein muss. Die Anforderungen sind infolgedessen vielfältig.

Hilfreiche Messwerte

Das Messen von Rissbreiten ergibt eigentlich nur einen Sinn, wenn man die gemessenen Werte (Ist-Zustand) mit den zulässigen Rissbreiten (Soll-Zustand) vergleicht. Dies ist relativ schwierig, da hierzu in den Normen und Regelwerken keine absoluten Werte zu finden sind. Werden Werte genannt, können diese nicht unkritisch für alle Bauteile und/oder Baustoffe übernommen werden. In der DIN V 18 550 (Putz) wird z. B. ausgeführt, dass Haarrisse in begrenztem Umfang nicht zu bemängeln sind. Als Haarrisse werden hierbei Risse mit einer Breite bis zu 0,2 mm bezeichnet. Dieser Empfehlung folgt auch die DIN EN 13 914 Teil 1, in der ausgeführt wird, dass Haarrissbreiten bis 0,2 mm bei wasserabweisenden und wasserhemmenden Putzen die Funktionstüchtigkeit nicht beeinträchtigen. In Anlehnung daran werden in der DIN EN 13 499 und DIN EN 13 500 (WDVS) für Putzbeschichtungen auf Mineralfaserdämmung 0,2 mm und für Putzbeschichtungen auf Polystyroldämmung 0,3 mm als zulässige Rissbreiten angegeben.

Was ist noch legal?

In der Praxis wird dies so ausgelegt, dass die Regelwerke eine Rissbildung von max. 0,2 mm „legalisieren“ und damit Risse nicht reklamiert werden können. Aus technischer Sicht stellt sich sofort die Frage, ob ein Riss > 0,2 mm sofort einen (technischen) Mangel darstellt? Zumal in der DIN V 18 550 noch ergänzt wird, dass breitere Risse keinen Mangel darstellen, wenn sie unter gebrauchsüblichen Bedingungen nicht sichtbar sind und der technische Wert des Putzes nicht beeinträchtigt wird. Und damit kann die spannende Frage gestellt werden: bei welchen Rissbreiten ist der technische Wert eines Putzes beeinträchtigt? Oder anders ausgedrückt: wie lange ist die Funktionalität eines gerissenen Putzes gegeben?

Faktor: Witterungsschutz

Die wichtigste (technische) Funktion einer Putzbeschichtung ist der Witterungsschutz der Fassade. Durch einen kleinen Riss von z. B. nur 0,2 mm können bei einem Schlagregen innerhalb von 1 Stunde bis zu 20 Liter (!) Wasser in den Untergrund eindringen. Deshalb sollte sich die Bewertung eines Risses nicht nur an der Rissbreite und -tiefe orientieren, sondern auch gebäudespezifische Einflüsse mit einbeziehen. Hierzu gehören die Schlagregenbeanspruchung des Gebäudes sowie die überdurchschnittliche Beanspruchung durch Spritzwasser. Angaben hierzu befinden sich in der DIN 4108 Teil 3 (Beanspruchungsgruppen) und sollten in der Praxis, vor allem Ausschreibungen, mehr Anwendung finden.

Auf den Putz kommt es an

Hinzu kommt, dass es nicht die Putzbeschichtung gibt. Neben Mineral-, Silikat-, Siliconharz- und Kunstharzputzen werden einige von ihnen noch mit einem ein- oder zweimaligen Anstrich versehen, der ebenfalls wieder aus unterschiedlichen Bindemitteln und damit Eigenschaften bestehen kann. Es ist deshalb genauso wenig zutreffend, einen wasserabweisenden Kunstharzputz als besonders kritisch (wegen Diffusion) oder besonders geeignet (wegen Elastizität) einzustufen. Das Gleiche gilt für die anderen Putzbeschichtungen, es ist immer eine Einzelfallbetrachtung und -bewertung. Denn schlussendlich spielt auch noch eine wesentliche Rolle, auf welchem Untergrund der Putz aufgebracht wird. Ein Wärmedämm-Verbundsystem muss komplett anders bewertet werden, als ein Leichtputz auf hoch wärmedämmenden Mauerwerken oder ein Sanierputz auf einem Mischmauerwerk oder ein Wärmedämmputz in einem Fachwerk.

Fazit der technischen Bewertung

Dies zeigt, dass eine generelle technische Bewertung von Rissen nicht möglich ist und dass neben der Rissbreite und -tiefe auch die bauphysikalischen Kenndaten der Putzbeschichtungen und ihrer Untergründe in die Bewertung einbezogen werden müssen. Selbst gleiche Rissbreiten und/oder -tiefen müssen aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzung der Putze unterschiedlich bewertet werden. Gleiche Rissbreiten müssen nicht zwangsläufig die gleichen Risstiefen verursachen. Infolgedessen kann die Frage nach einem technischen Mangel nicht oder nur bedingt mit den Normen und Regelwerken genannten Rissbreiten oder -tiefen beantwortet werden.

Optische Bewertung

Die optische Bewertung von Rissen ist schwierig, da die Bewertung nicht auf objektiven Parametern wie z. B. Messergebnissen beruht. Dadurch ist jede optische Bewertung subjektiv und damit angreifbar. So kann sich z. B. das optische Erscheinungsbild einer fertig gestellten Putzoberfläche für den Maler oder Stuckateur als normal oder üblich darstellen, während der Bauherr die gleiche Putzfläche als mangelhaft ablehnt. Häufig wird dann diskutiert, ob die aufgetretenen Risse noch im Toleranzbereich liegen, marktüblich und akzeptabel sind oder sich vielleicht so gar hätten vermeiden lassen. Hier geht es letztendlich um die Verhältnismäßigkeit der Risserkennung und -bewertung! Allerdings steht bei der optischen Bewertung nie das Aussehen der Risse allein im Mittelpunkt. Andere Faktoren können eine wesentliche Rolle spielen, hierzu gehören

  • mikrobieller Befall und/oder Verschmutzungen,
  • Farbtöne und Oberflächenstruktur,
  • Lage und Wahrnehmung der gerissenen Fläche und
  • zeitliche Relevanz des Auftretens.

In vielen Veröffentlichungen wird ausgeführt, dass Risse noch als akzeptabel gelten und nicht zu bemängeln sind, wenn sie in einer Breite bis 0,1 mm z. B. auf geglätteten bzw. glatten Oberflächen oder sie in einer Breite bis 0,2 mm bei einem Strukturputz mit einem Größtkorn > 3mm auftreten. Diese Aussage kann nur bedingt übernommen werden. Wenn das Gebäude einem starken mikrobiellen Befall (z. B. Algen, Pilze) ausgesetzt ist und in exponierter Lage (z. B. Niederschlagsmenge) steht, werden auch diese Risse nach einer relativ kurzen Zeit gut sichtbar sein und subjektiv größer erscheinen. Durch den mikrobiellen Befall wirken die Risse dunkler und an den Rissflanken breiter, als sie tatsächlich sind.

Bei Putzen mit hydrophilen Eigenschaften kommt hinzu, dass im Rissbereich die Wasseraufnahme noch größer ist. Durch Putzstrukturen, in denen sich Wasser nach Niederschlägen ansammeln kann (z. B. horizontal verriebener Rillenputz oder klassischer Edelkratzputz), wird dieses Verhalten noch gefördert. In Folge dessen spielt bei der optischen Bewertung auch die Putzoberfläche und deren Struktur eine wichtige Rolle. Glatte Putzoberflächen sind hinsichtlich einer Rissbildung und deren Wahrnehmung viel anfälliger, als raue und stark strukturierte Putzoberflächen, auf denen sich Risse kaum abzeichnen und unauffällig um das Strukturkorn herum verlaufen. Auch der Farbton der Putzoberfläche spielt eine Rolle. Bei weißen und hellen Oberflächen werden die Risse immer schneller und deutlich zu sehen sein als bei erdigen und dunklen Farbtönen.

Gebrauchsübliche Bedingungen

Im Mittelpunkt der optischen Bewertung von Rissen stehen in der Regel zum einen die Verhältnismäßigkeit der Risserkennung und Bewertung und zum anderen die so genannten gebrauchsüblichen Bedingungen. Beide Bewertungsziele werden ganz wesentlich davon beeinflusst,

  • wo sich die Risse befinden,
  • wie viel Risse aufgetreten sind,
  • wie groß der Anteil der mit Rissen behafteten Fläche an der Gesamtfläche ist,
  • ob die Risse sofort und gut erkennbar sind,
  • ob die gerissene Fläche eine besondere gestalterische und/ oder repräsentative Bedeutung hat,
  • wann die Risse das erste Mal aufgetreten sind bzw.
  • ob die Risse ggf. nur temporär auftreten und wenn ja, unter welchen Umständen.

Einen ganz wesentlichen Einfluss auf die optische Bewertung haben u. a. der Abstand des Betrachters, die Blickposition, die Lichtverhältnisse oder Beleuchtung, ggf. die Witterung sowie ggf. notwendige Hilfsmittel und/oder Messmethoden.

Optische Beeinträchtigung

In der Praxis ist die allgemeine Aussage üblich, dass Risse eine unwesentliche optische und/oder ästhetische Beeinträchtigung der Oberfläche darstellen, wenn sie aus ca. 3 Metern kaum oder nicht mehr sichtbar sind. Diese Aussage gilt als unverbindlich und stellt eine reine Empfehlung dar, weil die bereits erwähnten Einflüsse wie z. B. die Oberflächenstruktur, Farbgebung, Materialart, Lage und Beanspruchung der Oberfläche berücksichtigt werden müssen. Risse sollten immer nur aus der Position optisch bewertet werden, aus welcher sie auch erkennbar sind (gebrauchsübliche Verwendung/Nutzung). Deshalb gilt es als unangemessen, dass ein Riss z. B. im Anschlussbereich Fassade/Dach durch Aufstellen eines Gerüstes sichtbar wird, während der Riss bei gebrauchsüblicher Betrachtung nicht erkennbar gewesen wäre. Als ebenso unangemessen gilt, dass benachbarte Dachflächen und/oder Grundstücke betreten oder eine Hebebühne, eine Leiter oder Hilfsmittel wie Fernglas oder Vergrößerungsglas (Lupe) benutzt werden müssen, um einen Riss ausfindig zu machen. Unverhältnismäßig ist auch, dass zum Sichtbarmachen eines Risses die Putzoberfläche mit Wasser benetzt werden muss. Dagegen gilt als grenzwertig, wenn der oder die Risse nur wenige Stunden am Tag (z. B. im Streiflicht) oder wenige Monate im Jahr (z. B. in Folge jahreszeitlich bedingter Witterungsschwankungen) zu sehen sind. Die nachfolgenden Abbildungen 4 bis 7 geben einen Überblick über typische Rissbilder mit unterschiedlichen Ursachen.

Rechtliche Bewertung

Juristen sind in der rechtlichen Bewertung von Rissen deutlich unkreativer, als die meisten Sachverständigen oder Fachhandwerker. Sie orientieren sich am § 434 und § 633 BGB (Mangelbegriff) und damit der Frage, was vertraglich vereinbart wurde. Eine Abweichung von den Vereinbarungen kann auch dann mangelfrei sein, wenn sich das Werk für die vertraglich vorausgesetzte Verwendung oder übliche Verwendung eignet und so beschaffen ist, wie es bei anderen Werken gleicher Art üblich ist und wie es der Auftraggeber erwarten kann. Das Vorliegen eines Mangels (Riss) setzt nicht zwangsläufig einen Schaden voraus. Umgekehrt muss ein aufgetretener Schaden (Riss) nicht zwangsläufig einen Mangel darstellen. Gerade in Bezug auf technische Mängel (Wasseraufnahme) oder optische Mängel (mikrobiellen Befall) verwenden Juristen gerne Fragen wie „Können Sie ausschließen, dass …?“, um für ihren Mandanten die Antwort zu erzwingen, dass ein Restrisiko besteht und damit ein Mangel angenommen werden kann. Letztendlich gilt gerade bei Rissen das Motto: „Bezahlt wird mit Mängeln“ – und wenn der Riss noch so klein ist …

Instandsetzungssysteme

Während bauwerksbedingte, konstruktive oder statische Risse fast immer durch das Aufbringen eines Wärmedämm-Verbundsystems saniert werden, verwendet man bei putzbedingten Rissen spezielle UV-vernetzende und kälteelastische Anstrichsysteme, mit oder ohne Vlies. Für untergrundbedingte Risse werden vor allem spezielle Armierungs- und Putzsysteme eingesetzt, denen ein Armierungsgewebe eingebettet wird. Für die Auswahl eines geeigneten Sanierungssystems ist die alles entscheidende Frage, ob nach der Beschichtung noch Rissbreitenänderungen oder Rissflankenbewegungen auftreten und wenn, ob diese dann durch den Beschichtungsaufbau aufgenommen werden. Hierbei spielt allerdings nicht nur die Flexibilität und Elastizität der Beschichtung eine wesentliche Rolle, sondern auch das Spannungs-Dehn-Verhalten im Verbund, die Haftung zum Untergrund sowie die Schichtdicke. Die Verformbarkeit der Beschichtungssysteme muss aber nicht nur die Rissbreitenänderungen im Untergrund aufnehmen, sondern darf auch über einen längeren Zeitraum von mehreren Jahren nicht nachlassen.

Anstrichtechnische Risssanierung

Für die anstrichtechnische Risssanierung werden verschiedene Farben eingesetzt. Wirklich rissüberbrückende Eigenschaften haben allerdings nur die so genannten Lastic-Systeme, die früher umgangssprachlich auch als „Gummihaut“ bezeichnet wurden. Hierbei handelt es sich um kälteelastische Dispersionsfarben, die als Verfahren F1 im neuen WTA-Merkblatt eingestuft wurden. Diese rissüberbrückenden Anstrichsysteme können ohne zusätzliche Armierung Rissbreiten bis zu 2,5 mm und in Verbindung mit einer Vlieseinlage Rissbreiten bis zu 5 mm überbrücken. Die Rissüberbrückungsfähigkeit dieser Beschichtungssysteme hängt einerseits von der Dispersionsart und andererseits von der Menge des Dispersionsbindemittels ab.

In der DIN EN 1062, Teil 7 sind die Anforderungen an diese Beschichtungsstoffe ausführlich beschrieben. Die folgende Tabelle gibt die rissüberbrückenden Eigenschaften in Abhängigkeit von der „Rissklasse“ wieder.

Klasse Breite des überbrückten Risses
A1 > 100 µm
A2 > 250 µm
A3 > 500 µm
A4 > 1250 µm
A5 > 2500 µm

 

Beim Verfahren A erfolgt eine einmalige Rissöffnung bei unterschiedlichen Temperaturen und je nach überbrückbarer Rissaufweitung die Einordnung des Beschichtungsstoffes in die Klassen A1 bis A5. Die Prüftemperatur für die Klasse A1 ist 23 °C (Raumtemperatur). Für die Einordung des Beschichtungsstoffes in die Klassen 2 bis 5 müssen die rissüberbrückenden Eigenschaften auch bei -10 °C nachgewiesen werden, da die Rissüberbrückung bei Minustemperaturen (maximale Rissbreitenänderung im Untergrund) von großer Bedeutung ist. Hierbei muss in Kauf genommen werden, dass die Rissüberbrückung von elastischen Dispersionsfarben bei -10°C geringer ist (aufgrund der so genannten Glasübergangstemperatur) als bei Raumtemperatur (hohe Elastizität). „Normale“ rissüberbrückende Fassadenfarben erreichen deshalb in der Regel bei Raumtemperatur z. B. eine Rissüberbrückung nach Klasse A3, bei -10°C aber nur nach Klasse A1.

Lt. Anforderungen nach DIN EN 1062, Teil 7 können rissüberbrückende Beschichtungen für alle Risse mit einer Rissbreitenänderung bis 2,5 mm eingesetzt werden. Bei höheren Rissbreitenänderungen sind besondere Systemaufbauten (z. B. Vlieseinbettung oder ein organisch gebundener Armierungsputz mit Gewebe) notwendig – bzw. wird ein Wärmedämm-Verbundsystem zur Risssanierung eingesetzt.

Neben den ein- oder zweilagigen Beschichtungssystemen, mit oder ohne Vlieseinlage, werden in Ausnahmen auch 3- oder 4-lagige Varianten angewendet. Die Trockenschichtdicke liegt deshalb in der Regel zwischen 0,1 bis 0,5 mm, in Ausnahmen und bei Vlieseinbettung bei > 1 mm. Einschränkend ist darauf hin zu weisen, dass nicht jede Dispersionsfarbe die Anforderungen der DIN EN 1062, Teil 7 erfüllt. Die Rissüberbrückungsfähigkeit von klassischen Dispersionsfarben liegt unter 100 µm, so dass Klasse A1 nicht erreicht wird. Erst elastische Dispersionsfarben erreichen in Abhängigkeit von der Bindemittelart, von der Schichtdicke sowie von einer Vlieseinbettung die Klassen A1 und höher.

So vorteilhaft die hohe Elastizität und Rissüberbrückung kälteelastischer Dispersionsfarben auch ist, so nachteilig sind das Verschmutzungsverhalten aufgrund der Thermoplastizität des Bindemittels sowie der hohe Diffusionswiderstand gegenüber Wasserdampf. Für kalkreiche Putze (Druckfestigkeitsklasse CS I, CS II) sind sie nicht geeignet, da sie auch gegenüber Kohlendioxid (CO2) einen hohen Diffusionswiderstand haben. Deshalb muss deutlich darauf hingewiesen werden, dass die hohe Elastizität dieser Anstrich- und Beschichtungsstoffe nur mit einem hohen Bindemittelanteil erreicht werden kann. In Folge dessen können elastische Anstrich- und Beschichtungsstoffe nicht auf feuchten Untergründen eingesetzt werden und auch nicht, wenn mit einer Hinterfeuchtung der Beschichtung (z. B. im Bereich der Anschlüsse) gerechnet werden muss.

Müssen gerissene Untergründe dieser Art – also feuchtebelastet – beschichtet werden, können nur silikat- oder siliconharzgebundene Anstrich- und Beschichtungsstoffe (Verfahren F2 nach WTA) verwendet werden. Diese Stoffe sind hoch wasserdampfdiffusionsoffen und ideal für diese Untergründe geeignet. Allerdings sind sie aufgrund ihrer Bindemittel-Matrix (Wasserglas oder Quarzgerüst) nicht elastisch und deshalb nicht in der Lage, Verformungen im Untergrund zu überbrücken. Ihre Aufgabe besteht deshalb darin, die Risse zu zuschlämmen – also nur zu verschließen, nicht zu überbrücken.

Fettrisse an einer Putzschicht (Bindemittelanreicherung an der Oberfläche)

Stein-Fugen-Risse

Stein-Fugen-Risse

Spannungsrisse

Konstruktivbedingter Riss über der Fensteröffnung

ÜBER DEN AUTOR

Frank Frössel

ist Leiter Marketing und Kommunikation bei der Sievert AG inkl. dem Produktmanagement, Fachbuchautor und Sachverständiger sowie Dozent und Mitglied in einschlägigen Fachverbänden.